Jane Doe

Eine kleine Trash-Story…

Jane Doe

Wie wir alle wissen gibt es keine Vampire und Vampirgeschichten sind mir verhasst. Sie sind meist entweder albern überladen mit altem Aberglauben oder elenden Kitsch. So tut es mir fast Leid, wenn meine Erzählung jetzt ähnlich daher kommt, aber es ist im eigentlichen Sinne auch keine Vampirgeschichte; es geht vielmehr um ein Geschöpf ganz anderer Art und ich werde mich bemühen ohne große Schnörkel und Gefühlsduselei zu berichten.

Zu Beginn möchte ich mich kurz vorstellen. Der Form halber gewissermaßen, denn mit allzu großen Besonderheiten kann ich nicht aufwarten. Schwer ist es aber immer, sich in ein paar kurzen Zeilen selbst zu präsentieren. Nun denn: Als geschiedener Mann lebe ich seit ungefähr zwei Jahren allein in einem netten Haus in der Vorstadt, welches ich einst mit meiner Frau teilte. Geplagt von den kleinen Dramen des Alltags die man so kennt und hauptberuflich in einem Büro-Job tätig, der mir gefällt und dessen Beschreibung den geneigten Leser nur langweilen würde. Man könnte mich für einen dieser durchschnittlichen Spießer halten, aber wie alle diese durchschnittlichen Spießer, habe ich natürlich auch noch eine andere Seite.

Man fragt sich, was könnte so ein Spießer zu erzählen haben. Und ich hätte sicher nichts zu erzählen, wenn ich da nicht diesen außergewöhnlichen Nachbarn hätte. Dieser wohnt rechter Seite meines Hauses und ist nicht gerade beliebt um es mal möglichst galant auszudrücken. Nicht nur sein Garten wirkt rebellisch. Er selbst ist ein älterer Herr, der sich sehr spärlich zeigt und über den die Menschen tuscheln. Er hat etwas Geheimnisvolles an sich und das hat Menschen seit jeher dazu verleitet, mit einer gewissen Angst die ärgsten Gerüchte zu streuen. Wohl typisch für jede solche Nachbahrschaft: Es gibt ja immer einen, bei dem die ganzen Durchschnitts-Familien ihre zweieinhalb Kinder aufrufen, bitte nicht gerade vor diesem Haus zu spielen.

Zusammen mit meiner Frau… Ex-Frau sprachen wir öfter über diesen Menschen, ohne ihn wirklich zu kennen. Er grüßte immer freundlich, aber niemand erfuhr mehr über ihn und so spekulierten wir nur. In diesem Sinne hoben wir uns nicht von den Menschen in unserer Umgebung ab.
Vor etwa drei Monaten ertappte ich diesen Menschen einmal dabei, wie er panisch aus seinem Haus flüchtete. Ich fragte ihn, ob alles in Ordnung sei und er antwortete nur „Jaja, alles in Ordnung.“ Er sei nur etwas durcheinander und so sah der gute Mann auch aus. Wir plauderten kurz über diese und jene Belanglosigkeit, bis er sich wieder einigermaßen im Griff zu haben schien.

Vor etwa sechs Wochen, ich genoss gerade meinen Urlaub, saß ich an einem sonnigen Abend auf der Terrasse und las in einem Buch und trank dabei wohl schon die zweite Flasche Wein. Ich bemerkte irgendwann meinen sonderbaren Nachbarn der in seinen Garten stand und zu mir herüber sah. Ich grüßte wie gewohnt und er grüßte zurück. Er wirkte irgendwie nervös, irgendwie angespannt. Ich dachte mir erst nichts, doch dann winkte er mich heran. Sehr ungewöhnlich, denn „kommunikativ“ wäre wahrscheinlich das letzte Adjektiv, mit dem man ihn beschreiben würde. Ich legte mein Buch beiseite und ging ein wenig belustigt auf den skurrilen Nachbarn hin. Was könnte er wohl wollen?
„Guten Abend Mr. Doe, wie geht es Ihnen?“ fragte ich, gefasst auf eine belanglose Plauderei.
„Oh, Mr. Meyer. Ich möchte Ihnen gerne etwas zeigen.“ Sagte der Mann mit verschmitztem Grinsen. Aus der Nähe machte er einen noch merkwürdigeren Eindruck. Er war normalerweise recht gepflegt, jetzt wirkte er trotz seines Vergnügens irgendwie übermüdet, ungepflegt und ein wenig angsteinflößend.
„Ja, Mr. Doe was möchten Sie mir denn zeigen.“
„Kommen Sie, kommen Sie!“ winkte er mich über den Gartenzaun, auf sein Haus deutend.
Ich war erstaunt aber auch schrecklich neugierig bei dieser unerwarteten Einladung. Soweit ich weiß, war in diesem Haus niemals jemand zu Besuch und umso mehr erstaunte es mich in seinem Wohnzimmer eine hübsche Frau vorzufinden. Diese war groß, schlank, dunkelhaarig. Aber am meisten erstaunte mich, dass sie völlig nackt dort stand.

Ich blickte Mr. Doe fragend an und er lächelte nur und sagte „Kommen Sie, lernen Sie Jane kennen.“
Ich musste lachen und sagte immer noch etwas verunsichert. „Ja gerne Mr. Doe. Meine Güte, das hätte ich Ihnen nun nicht zugetraut.“ Ich ging auf die Dame zu, die mich aber nur anschaute. Ich gab ihr die Hand und die gab wohlige, kichernde Geräusche von sich, sagte aber nichts. Ich stellte mich vor, und wurde noch nervöser, als sie nicht antwortete und mich nur anlächelte. Jetzt war ich fest davon überzeugt, dass es sich um eine offensichtlich geistesgestörte Person handeln musste.
„Fassen Sie sie ruhig an Mr. Meyer.“ Forderte mich mein Nachbar auf.
Ich blickte ihn fragend an. „Also Mr. Doe, für wen halten Sie mich. Ich kann doch nicht…“
In diesem Moment stand die Schönheit auf und drückte ihren Nackten Körper fest an mich. Dann küsste sie mich intensiv und mir wurde etwas schwindelig. Was war hier eigentlich los? Mein Nachbar sah zufrieden lächelnd zu, wie das schöne Wesen mich verführte. Sie sprach kein Wort und kannte wohl nur eine Sprache und in allen Sprachen die ich kannte, ging mir jedes ablehnende Wort abhanden.
Nun denn, ein wenig beschämt war ich. Darum will ich gar nicht auf Details eingehen. Jeglicher Konversationsversuch mit dieser Frau wurde nur mit einem Lächeln und einem Schnurren, wie es dem Wesen von Katzen entspricht, beantwortet. Und Mr. Doe erwiderte alle Fragen nur lächelnd mit dem Versprechen mich zu einem späteren Zeitpunkt über die geheimnisvolle Besucherin aufzuklären. Zu später Stunde begab ich mich Heim. Ich schlief befriedigt ein, obwohl ich mir doch sehr viele Fragen stellte.

Am nächsten Morgen konnte ich es kaum erwarten Mr. Doe und seine merkwürdige Jane zu sehen, aber ich scheute mich sehr bei ihm zu klingeln. So setzte ich mich zunächst auf die Terrasse, wo er mich sicherlich bemerken würde. Bis Mittag hielt ich es aus und als niemand sich blicken ließ, überwand ich mich und klopfte an Mr. Doe`s Tür.
Es dauerte eine Weile bis die Tür sich endlich einen Spalt breit öffnete und ich einen sehr erschöpften Mr. Doe zu Gesicht bekam. Ich erschrak förmlich. „Mr. Doe, ist alles okay? Ich wollte…“
Mr. Doe winkte ab und sagte nur, dass es ihm gerade sehr schlecht ginge. Ich akzeptierte dies nicht ohne ihm vorher noch meine Hilfsbereitschaft zuzusichern und verließ sein Grundstück mit nur noch mehr Fragezeichen im Gesicht. Den ganzen Tag befragte ich mich um die Vorgänge im Nachbarhaus, aber wusste nicht besser zu tun, als abzuwarten.

Den nächsten Tag ging ich also wieder zu Mr. Doe`s Tür. Er sah immer noch sehr erschöpft aus, bat mich aber hinein. Ich befragte ihn zunächst nach dem Befinden und er sagte, dass es ihm nun wieder gute gehe. Also fragte ich gleich nach Jane und ihrem Befinden.
Er lächelte gezwungen. „Es geht ihr gut.“
Der Mann rückte aber mit der Sprache nicht so recht heraus. Wer war sie? Wo war sie? Und warum hatte sie mich verführt?
„Mr. Doe, ich weiß nicht ganz wie ich es sagen soll… Aber… Ist das Ihre Tochter?“ fragte ich schließlich. Dieser unangenehme Gedanke schien mir doch der wahrscheinlichste zu sein und ich hoffte, dass dies nicht der Fall war. Mr. Doe schaute nachdenklich und antwortete „Gewissermaßen ja. Kommen Sie mit, ich erkläre Ihnen alles.“
Dann gingen wir zusammen in den Flur, wo eine Treppe in den Keller hinab ging. Ich begann mir die schlimmsten Szenarios von Folterkellern auszumalen, was ich aber zu sehen bekam, war… nicht so schlimm? Schlimmer? Ich weiß es nicht. Es war sehr verstörend.
Wir betraten einen Raum mit großen Schränken. Mr. Doe öffnete einen davon und entnahm einen Ganzkörper-Anzug und eine Atem-Maske. Ich blickte sichtlich irritiert, verkniff mir aber jeden Kommentar. Er wieß mich an, die Schutzkleidung anzulegen und ich folgte seiner Aufforderung. Dann öffnete er eine weitere Tür und ich war sehr erstaunt, was ich zu sehen bekam. Es war ein großes Labor. Sehr sauber mit einigen großen Aquarien in der Mitte. Mir schwirrten die krankesten Phantasien durch den Kopf, die Mr. Doe auch umgehend bestätigte.

Ich erfuhr also Folgendes über meinen skurrilen Nachbarn:
Er war ein Forscher und im Bereich der Molekular-Biologie tätig. Er war mit Medikamenten-Forschung befasst war, die ihm sehr viel Geld einbrachte, bis er dann wegen Versuchen an Menschen rausgeworfen wurde. Er wurde wohl sogar verurteilt und durfte sich auch offiziell nicht mehr Doktor nennen und selbstverständlich auch nicht mehr in diesen Bereich arbeiten, aber ihm blieb einiges an Geld erhalten. Und so forschte er weiter und erweiterte sein Wissen um Kenntnisse auf dem Gebiet der Genetik. Er wollte einen Traum verwirklichen: Die Erschaffung eines lebenden Sextoys.
Ja, es ist eine absurde Angelegenheit über die ich hier berichte. So muss es klingen, denn dem Mann ist ein Wahnsinn gelungen. Ich habe Jane nicht nur gesehen, sondern erlebt!

Um auf die Eingangs erwähnten Vampire zurückzukommen: Jane ist natürlich kein Vampir. Sie braucht aber Echt-Blut-Transfusionen en masse.
Nun erfuhr ich die Details: Jane war erst eine Woche alt und der Dr. schaffte es nur mit großer Mühe Bluttransfusionen zu organisieren und sein eigenes zu geben. Er brauchte mich, um sein Geschöpf am Leben zu erhalten. Nur darum durfte ich an diesem Geheimnis teil haben. Und er war bereit, mich dafür mit ihr zu belohnen. Ohne lang zu überlegen willigte ich ein und war gespannt Jane wiederzusehen. So gab ich ihr zum ersten Mal mein Blut und nahm so gleich darauf die Belohnung in Empfang.
Mr. Doe nannte sie ein Sextoy, aber sowohl er, als auch ich wussten sofort, dass sie mehr war. So willig sie auch war, hatte sie ihre eigene Persönlichkeit und war einfach liebenswert, obgleich eine Konversation mit ihr nur sehr eingeschränkt möglich war. Sie gab sich vergnügt quiekend und zärtlich, wenn sie Gefallen an allem fand, wurde aber schnell widerspenstig, wenn ihr etwas missfiel. Und wenn ihr Blut langsam giftig wurde, begann sie jämmerlich zu weinen, dass man Mitleid bekam.
Der Doktor arbeitete Tage und Nächte daran, das Problem zu lösen und ich hätte ihm gerne dabei geholfen, konnte aber nichts weiter tun, als verschiedene Mittelchen, deren Zweck mir nicht geläufig war, zu beschaffen. Leider blieben seine Bemühungen erfolglos und wir spendeten Jane mehr Blut, als uns gut tun konnte. Nach einer Weile sahen wir alle drei ausgezehrt und blass aus.

Vor etwa drei Wochen gab Mr. Doe sein letztes Blut für Jane. Er starb auf seiner Liege im Labor während Jane sich lächelnd auf der Liege daneben entspannte und ich selbst schon völlig verausgabt von einem Stuhl aus zusah. Mir selbst tat es sehr leid, denn so langsam hatte ich den alten schrulligen Mann liebgewonnen. Wir hatten ja viel Zeit zu reden, denn ich war fast die ganze Zeit bei ihm und Jane. Ich beerdigte ihn nachts in seinem Garten, trauerte um ihn und sein Blut.
Wenn Jane Doe ein Vampir wäre, wäre es viel einfacher, sie könnte sich selbst nähren. So aber fiel mir diese Aufgabe zu. Ich ging nicht mehr zur Arbeit und stellte mich krank. Ich hatte zu wenig Zeit und Kraft um mich noch um irgendetwas anderes als meine Jane zu kümmern. Ich verbrachte meine Zeit mit ihr ohne sie um die Dienste zu bitten, für die sie eigentlich erst geschaffen wurde. Ich war zu erschöpft dafür und abwechselnd kümmerten wir uns liebevoll umeinander, wenn dem anderen gerade die Lebenskraft zuneige ging.
Mein Blut reichte nicht, also kam ich nicht umhin, welches zu organisieren. Und Blut zu organisieren ist naturgemäß eine blutige Angelegenheit. So verlor ich meine Menschlichkeit. Eine Menschlichkeit, die meine liebe Jane nie hatte, die ich ihr aber um jeden Preis schenken wollte, die ich mir nach jeder Blutspende einredete, an ihr erkennen zu können.

Meine kleine Jane sitzt nun jeden Tag traurig schauend und weinend im Keller des Mr. Doe. Jeden Tag besuche ich sich sie, spende mein Blut und das unfreiwilliger Spender und versuche etwas Tröstliches. So sehr sie sich auch manchmal an mich schmiegt: ich kann ihr nichts geben, dass sie glücklich machen könnte. Ich bin nicht nur zu kraftlos… das Morden hat mich zerstört. Ich bin kein Mörder, ich will doch nur…. meine Liebe am Leben halten. Seit Tagen, aber ich bin am Ende. Nur eine Frage der Zeit, bis sie mich erwischen würden.

Seit Stunden liegen wir uns in den Armen und wissen, dass es kein Leben für uns geben kann. Wir sterben liebend, lüsternd, einsam, schweigend, trauernd.

Category(s): Texte / Kurzgeschichten
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