Erkaufte Träume

Eine verwirrende kleine Erzählung… Smilie: :)

Erkaufte Träume

Auf der Western Road blinkten viele bunte Schilder und tauchten die Straße in surreale Farben, welche die Sterne im Hintergrund neidisch verblassen ließen. Der neueste Schriftzug bestand aus einer großen gewundenen Schrift aus pinken Lettern, die mit rhythmischen Flackern die Kunden wie Motten zum Licht zog. „This is Life“ verkündete der Schriftzug und darunter in kleineren Buchstaben „make your dreams come true“. Wie immer stand eine lange Schlange vor dem Laden, der viel kleiner war als es der große Schriftzug vermuten ließ, denn der bestand nur aus einer Theke und einem Holzregal, auf dem viele kleine bunte Pappschachteln standen.

Eine schwarze Katze tänzelte auf dem Sims vor dem Schriftzug umher und inspizierte neugierig die Schlange, bis sie etwas entdeckte, dass sie fauchen und buckeln ließ. Der Schatten den sie dabei auf die Straße warf, ließ das ein oder andere Schlangenglied frösteln. Unter den anstehenden Leuten befand sich ein Mann in einem altmodischen, sandfarbenen Sakko, mit einer kleinen Nickelbrille und unangenehm zuckenden Augen. Er schaute immer wieder auf die Uhr, was seine Wartezeit jedoch nicht verkürzen konnte. Dies hatte er zuvor schon mit plumper Vordrängelei versucht, doch wurde ihm schnell und unmissverständlich klar gemacht, wo sein Platz in der Reihe war.

An der Theke bediente Alice die buntgemischte Kundschaft mit beeindruckender Empathie. Ein Päckchen hier, ein Päckchen da. Bei dieser Vielfalt wollt man gut beraten sein und Alice ließ ihre Kunden nie im Regen stehen, nahm sich Zeit und das gänzlich zum geringen Preis!, entließ Sie glücklich lachende Kunden zurück auf die Western Road, auf die sie gewiss bald zurückkehren würden um Teil einer Schlange zu werden, die sich gierig wartend vor dem kleinen Laden wand.

Es kam vor, dass auch mal wunderliche oder mürrische Kunden eintraten und um Beratung baten. Aber mit Charme, Witz und einem passenden Produkt verwandelte Alice auch diese regelmäßig in zufriedene Kundschaft. Nach 42stündiger Wartezeit betrat der Mann mit dem sandfarbenen Sakko das kleine Lädchen und wurde von einer lächelnden Bedienung empfangen.

„Guten Tag.“ knurrte er und begann sofort ungeduldig in einer Innentasche zu nesteln.
„Einen guten Tag auch ihnen. Sie wünschen?“
„Was ich mir Wünsche soll nichts zur Sache tun, denn ich bin in offizieller Angelegenheit hier.“ sprach der dürre Mann hastig. Er kramte einen Zettel aus seiner Tasche und blickte stirnrunzelnd darauf.
„Das ist aber schade. Dabei könnte ich Ihnen doch so gut behilflich sein.“ sagte Alice zwinkernd.
„Wie meinen?“ Der Mann steckte den Zettel zurück in seine Tasche und schaute sie verwirrt an, als habe er sie nicht recht verstanden.
„Wünsche! Wir erfüllen sozusagen Wünsche.“
„Was? Ach so ja, deswegen bin ich ja auch hier.“ Er legte seine Aktentasche auf der Theke ab. „Also… ähm … äh… ich brauche nichts, ich komme vom Gewerbeaufsichtsamt.“
Alice verdrehte kurz die Augen. „Ach und da träumen sie nicht?“
„Nein, wir träumen nicht! Wir arbeiten!“
„Da habe ich doch auch für sie das richtige im Angebot.“ erwiderte Alice und griff schon nach einer kleinen grauen Schachtel, die in einem der unteren Fächer mit der Beschriftung  „Desillusion?“ stand.
„Nein, nein, sie verstehen mich falsch. Ich komme, da uns schwerwiegende Bedenken zu Ohren kamen.“
„Bedenken? Das kann ich mir nicht vorstellen. Alle Kunden sind zufrieden. Es gab nie eine Beschwerde.“
„Also, das mag ja sein. Die Bedenken kommen … nunja … aus anderen Kreisen.“
„Aus welchen?“
„Das tut nichts zur Sache, aber man hat sich entschieden Ihre Produkte einer genaueren Kontrolle zu unterziehen.“  Der Mann setzte einen strengen Blick auf.
„Oh, das tut mir aber Leid. Welcher Art waren die diese Bedenken, wenn mir die Frage erlaubt ist?“
Der Mann hüstelte kurz und kramte Papiere aus seiner Aktentasche.
„Nun es scheint so…“ und nun las er von einer Liste ab, die er scheinbar zufällig aus einem Papierstapel gezogen hatte. „… dass Kunden dieses Gewerbes sich widerholt aufsässig verhielten, teilweise die Arbeit niederlegten und in aller Öffentlichkeit Kritik an akzeptablen Autoritäten übten.“

Wie ein Richter sah er Alice über seinen Brillenrand erwartungsvoll an.
Der nächste Kunde, ein Mann in einem Hasenkostüm, öffnete die Tür und fragte „Hey, dauert das noch lange?“ Alice vertröstete den Mann, der die Tür daraufhin wieder schloss. Durch die Scheibe war zu sehen, wie er die Anstehenden über die Verzögerung unterrichtete.
„Nun, ich weiss immer noch nicht weswegen sie hier sind.“ sagte Alice zu dem Mann.
„Nun, dann will ich mich klarer ausdrücken. Wir haben den begründeten Verdacht, dass sie schädliche Produkte vertreiben.“ antwortete der Mann in arroganten Ton.
„Das kann nicht sein. Meinen Kunden geht es bestens.“ antwortete Alice ärgerlich.

Durch das Schaufenster war ein Mann zu sehen, der mit einer Laterne in der Hand über die Straße taumelte und laut rief „Gott ist Tod! Ihr habt ihn getötet!“. Die Schlange begutachtete den Irren interessiert und war abgelenkt.

Der Mann fuhr ungeduldig fort:
„Wie gut es ihren Kunden geht interessiert nicht! Es geht darum, dass ihre Produkte sich unvorteilhaft, gar schädlich auswirken! Vielleicht können Sie mir zunächst einmal erklären, was genau sie hier vertreiben!“
„Oh, das lässt sich schnell erklären. Ich verkaufe Träume.“ Sie ließ die Worte kurz auf den verdatterten Mann wirken. „Träume jeder Art. Ich lasse die Menschen träumen, was immer sie sich wünschen.“
Der Mann winkte ab.
„Verschonen sie mich mit esoterischem Quatsch. Niemand kann Träume erfüllen!“
„Sie verstehen mich falsch. Ich erfülle keine Träume, ich verkaufe sie nur.“
Der Mann schaute verwirrt.
„Wenn ich recht verstehe, statten sie ihre Kundschaft also mit neuen Wünschen aus?“ der Mann machte sich eifrig eine Notiz.
„Nein, auch das ist nicht richtig. Wir lassen unsere Kunden nur Träumen was immer sie wollen. Aber ich will nicht ausschließen, dass daraus auch Wünsche entstehen können.“
„Zuvor sagten sie, dass sie Wünsche erfüllen würden. Das ist Betrug!“ er machte sich wieder eine Notiz. „Und diese Träume führen nun also zu diesen unrealistischen Wünschen?“ pochte der Mann.
„Sie scheinen mich nicht zu verstehen. Wir verkaufen lediglich Träume. Das ist es was Menschen ohnehin tun. In Ihren Träumen werden ihre Wünsche aber sicherlich wahr.“

Durch das Schaufenster sah man eine schwarze Katze, die fauchend ihre Pfote an das Schaufenster hob, als wolle sie eintreten und für Gerechtigkeit sorgen.
Der Mann achtete nicht darauf und antwortete:
„Das mag ja durchaus sein, aber sie wachen auch wieder auf und dann ist der Traum vorbei. Dann gehen sie arbeiten und dienen dem Land.“
„Sie sagen das ist ein Widerspruch?“
„Offensichtlich! Denn wie gesagt, machen ihre Kunden ernsthafte Probleme.“
„Nun, wenn das ein Widerspruch ist, könnte man dadurch nicht auf die Unvollkommenheit der Dinge schließen?“
„Unvollkommen sind sie sicherlich, aber man kann auch nicht jeden zu einem König machen. In der Sache sind wir gerecht.“ Der Beamte tat eine verächtliche Geste.
„Da will ich nicht widersprechen. Aber ein Traum ist eben auch nichts weiter, als eben dieses.“
„Ganz richtig. Was ist denn der Unterschied zwischen einem erkauften Traum und einem normalen?“
„Oh… das ist eine sehr gute Frage.“  sagte die nachdenkliche Bedienung.

Der Hase betrat den Laden. Hoppelte an den Mann heran und rümpfte die Nase. Dann wies er ihn darauf hin, dass er die Leute am träumen hindern würde. Der Mann entgegnete entrüstet “Ich komme vom Amt!“ Den Hasen beeindruckte das nicht, aber nachdem Alice ihn aufforderte, hoppelte er schließlich wieder hinaus.
Der Mann fühlte sich bestärkt durch diese Respektlosigkeit und sprach nun:
„Wie sie sehen, respektieren ihre Kunden keinerlei Autorität!“

Aus seiner Aktentasche kramte er ein Schild mit der Aufschrift „Closed!“ hervor und brachte es an der Tür an. Die Schlange wand sich und fauchte aggressiv, doch der Mann entschwand blitzschnell und entwich mit knapper Not ihrem Biss.
Blitzschnell packte Alice alle Pappschachteln in ihre Reisetasche und verließ das Geschäft durch die Hintertür um ihre Mission fortzusetzen.
Vor dem Geschäft taumelte ein Mann mit einer Laterne umher. „Gott ist Tod! Ihr habt ihn getötet! Welch ein Glück!“
Niemand beachtete ihn.

Eine schwarze Katze beobachtete die Western Road, die unter gewaltigen Neonreklamen von Casinos und Puffs hell erstrahlt war. Die Katze blickte hinab auf Schlangen, die nur  darauf brannten, sich ihre Träume erfüllen zu dürfen, aber nicht mehr als einen Hasen zu fassen bekam.
Alle die nicht gestorben sind, träumen noch heute. Manche Träume kosten viel.

Category(s): Texte / Kurzgeschichten
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